Besessen von Putin?

Wer erinnert sich nicht an die zig Artikel, die eine Woche Urlaub Putins, den er nicht bei den deutschen Medien angemeldet hatte, auslöste?

Natürlich haben wir uns auch daran gewöhnt, dass bei allem Schlechten (Masern, Klima was auch immer) mindestens einmal Putin genannt werden muss, damit niemand vergisst: Putin ist der Bösewicht.

Ich habe hier einige Fundstücke zusammen getragen, die für mich die Frage aufwerfen: Sind die deutschen Medien besessen von Putin oder haben sie die Order, ab einer gewissen Textlänge mindestens einmal Putin einzubauen, oder ist es so, dass unsere Journalisten sich nicht als solche fühlen, wenn selbst bei den abwegigsten Themen nicht einmal der russische Präsident genannt wird.

Hier meine Hitliste von Themen, bei denen man nicht wirklich damit rechnet, irgendwas über den russischen Präsidenten zu lesen:

Platz 7
Der Stern porträtiert einen russischen Photographen. Der Mann sieht sich selbst als Chronist seiner sibirischen Heimat. Leben, Land, Leute.
Und der Stern erwähnt:
„Putin und Militär tauchen in seinen Bildern übrigens nicht auf – auch mal schön.“
http://www.stern.de/fotografie/fotos-aus-sibirien-des-fotografen-ilya-naymushin-6415504.html

Lieber Stern, gut dass Ihr mich warnt. Als treuer Putin-Fan hätte ich mir sonst Bilder über Sibirien gesucht, in der Hoffnung, dass Putin samt Militär irgendwo zu entdecken ist. Ganz im Sinne von „findet Waldo“.

Platz 6
Der gute alte Spiegel-Online, Bereich Kultur, musste sich schon anstrengen. Handelt es sich doch um einen Beitrag über Stieg Larsson und die Millennium-Reihe. Doch den Göttern sei es gedankt, das 4. Buch spielt wohl in Russland und daher dürfen wir lesen:
„Sie schart Hacker und Auftragsmörder um sich und hat ihr Hauptquartier in Moskau. Die Putin-Welt ist ihr Elixier.”
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/millennium-fortsetzung-so-viel-leid-so-viel-zorn-a-1050039.html

Hacker und Autragsmörder – die Putin Welt. Da muss man erst mal drauf kommen.

Platz 6
Das Manager Magazin berichtet von der Villa Berlusconi. Der Mann will sie verkaufen. Und ja, auch da:
„Immerhin hat Berlusconi dort etliche Staatslenker willkommen geheißen, unter anderem Russlands Wladimir Putin.“
http://www.manager-magazin.de/immobilien/artikel/berlusconi-villa-zu-verkaufen-a-1047600.html#

Ja, das ist die Information, die der Top-Manager von Welt braucht. Der Putin hat mal beim Silvio auf der Couch gesessen.

Platz 5
Bereich Reise der Süddeutschen Zeitung. Ein Bericht über Bulgarien. Im Endeffekt will man vermitteln: Bulgarien hat mehr zu bieten, als nur Billigurlaub.
„Aber seit Putin den Urlaub im eigenen Land zur patriotischen Pflicht erhoben hat und bestimmten Staatsbediensteten der Urlaub im EU-Ausland verboten ist, bleiben an der bulgarischen Schwarzmeerküste die russischen Gäste aus.“

Und man erfährt von einem russischen Rentnerpaar, das sich in Bulgarien niedergelassen hat. Allerdings ist die Ehefrau alarmiert und der Artikel endet mit dem Satz der Dame: „Und wer weiß“, sagt Elena, „was Putin noch so vorhat.“
http://www.sueddeutsche.de/reise/bulgarien-weg-mit-der-platte-1.2611252

Wirklich irritierend finde ich allmählich die Masse an Ländern, die darüber klagen, dass russische Urlauber fern bleiben. Es gibt doch nur 144 Millionen Russen, aber die müssen ja wahre Völkerwanderungen zur Urlaubszeit veranstaltet haben, also bis Putin der Böse gesagt hat: bleibt lieber in Russland.

Platz 4
Auch die Zeit hat ein Reise-Abteilung. Und sie beschäftigt sich mit einem von vielen gehegten Traum: der Reise in der transsibirischen Eisenbahn.
Der Reisebericht liest sich etwas schlicht, aber ansonsten geht es eigentlich. Man gibt sich aufgeklärt, will Volksnähe erleben und fährt deshalb ganz betont Holzklasse und beschreibt auch emsig was man so sieht.
Aber wenn man einen Reisebericht über Russland verfasst, dann muss Putin vorkommen, sonst glaubt einem doch keiner, dass man dort war. Und daher:

„Wir bewundern die Gangsicherheit makellos zurechtgemachter High-Heels-Frauen und verstehen die vielen Putin-T-Shirts nicht. Ist das Mode, ist das Präsidentenjubel, ist da doch Ironie dabei?“
http://www.zeit.de/2015/32/russland-mongolei-transsibirische-eisenbahn-zugfahrt/komplettansicht

Ach liebe Reisende der Zeit. Wenn Ihr wirklich so aufgeklärt wärt, wie Ihr tut, dann hättet Ihr die Träger besagter Shirts einfach mal angesprochen und gefragt, was sie mit diesen Shirts ausdrücken möchten. Das kriegen sogar Mannheimer Passanten regelmässig hin. Echt jetzt.

Platz 3
Den sichert sich die Frankfurter Rundschau. Hier hat sich der Autor eines Berichtes, über Pendler, die gerne auf dem Land leben, aber in Moskau arbeiten, fast einen abgebrochen, bei dem Versuch, das allseits beliebte Hassobjekt Putin, einzubauen.
Es geht nämlich um gesundes Landleben und schmutzige Stadtluft. Idylle auf dem Land und wirtschaftliche Perspektive in der Stadt. Doch er hat es geschafft:

„In der Provinz, von den Moskauern gern „Peripherie“ genannt, hat sich regelrechte Aussteigermentalität verbreitet. Das bedeutet keineswegs politisches Aussteigen, an Valentinas Kühlschrank hängt neben einer Muttergottes ein Magnetbilchen: Wladimir Putin in Sonnenbrille. Wenn man nicht für den Kreml glüht, so glaubt man doch an ihn.“
http://www.fr-online.de/panorama/russland-zwischen-provinz-und-grossstadt,1472782,31607576.html

Reife Leistung, oder? Von entspanntem Landleben doch noch die Kurve zu Putin zu kriegen. Ich hoffe, er hat der Dame einen schönen Strauss Blumen geschenkt, wo sie ihm mit dem Kühlschrank-Magneten, die Story gerettet hatte.

Platz 2
Die FAZ hat sich diesen redlich verdient. In einem Beitrag über ausländische Studenten, die wegen des latenten Rassismus in Deutschland so langsam besorgt sind. Es wird auch berichtet, dass chinesische Studenten wohl mit recht gezielten Anweisungen, mit welchen Organisationen sie arbeiten sollen und mit welchen nicht, in Ausland zum Studium geschickt werden.

Und jetzt wird der Herr der FAZ auch noch enttäuscht:
„Es würde nicht überraschen, wenn Ghawami von den Russen Ähnliches zu berichten hätte. Hat er aber nicht. Es gäbe keinen „langen Arm aus Moskau“, der Studenten im Ausland auf Linie bringe, glaubt der Vereinsvorsitzende. Erstaunlicherweise habe Präsident Putin die heimischen Hochschulen sogar ermutigt, stärker mit westlichen Unis zusammenzuarbeiten.“

http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/wie-der-world-university-service-auslaendische-studierende-beraet-13767092.html

Ich weiss ja nicht, wie blöd ein Journalist sein kann. Aber wenn er schon fremdenfeindliche (in diesem Fall russenfeindliche) Klischees im Kopf hat, sollte er nicht spätestens dann, wenn diese sich nicht bestätigen, sie einfach mal für sich behalten?
Wenn er nicht überrascht wäre, es aber gar nicht so ist, dann heisst das wohl, dass er da über ein Thema schreibt, von dem er keine Ahnung hat. Glückwunsch! Reife Leistung.

Platz 1 der Themen, bei denen man mit allem, nur nicht mit Putin rechnet geht an:
Die FAZ. Ja, die Fatzkes können sich nur noch selbst besiegen.

Hier mal wieder etwas aus dem Bereich „Reise“.
Nein, nicht Russland.
Unter-Bereich: typisch Deutsch.
Jetzt wird es interessant, oder?
Ich mach es mal noch spannender. Der Artikel heisst:
„Die wahre Geschichte der Kuckucksuhr“.

Ja, da wird die Geschichte der Kuckucksuhr erzählt. Die Tradition, welche Touristen welches Design bevorzugen und so weiter. Wirklich ein elend langer Artikel mit allem was man eigentlich noch nie über die nerv-tötenden hässlichen Teile wissen wollte.
Und dann folgt:
„Die hier hat Jogi Löw“, sagt Ingolf Haas und deutet auf ein schlankes, schwarzes Vogelhäuschen. Und die rote mit dem weißen, fein ausgesägten Bundesadler hat Angela Merkel einmal an Putin verschenkt. „Hinterher rief das Sekretariat vom Putin an und hat zwei Stück nachbestellt“
http://www.faz.net/aktuell/reise/typisch-deutsch-4-die-wahre-geschichte-der-kuckucksuhr-13768482.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Sonst werden keine Promis genannt. Jogi Löw und Putin. Da zieht es einem die Socken von den Quanten.

Und ich hab ne Vermutung, was der Putin mit den beiden nachbestellten Exemplaren gemacht hat:
Die hat er gleich an seine Rüstungsschmiede weiter gegeben.

Die Griechen packten eine Armee in ein Pferd. Die Russen haben das Verfahren verfeinert, es macht Kuckuck und ein ganzes Panzer-Bataillon fährt raus. Jawoll.


https://propagandamelder.wordpress.com/2015/09/01/propagandameldungen-vom-01-september-2015/comment-page-1/#comment-27067

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