Inside mit Stefan Gödde: Russland
Sendung am 08.08.2016

Natürlich, wenn Pro7 eine “Doku” meldet, dann darf man nicht zu viel erwarten. Schliesslich wird in dem, was man auf diesem Sender unter „Doku“ oder „Information“ versteht (vor allem bei dem Format Galileo) in der Hauptsache Werbung gezeigt.
Mehrfache „Berichte“ die nichts anderes sind, als Dauerwerbesendungen für McDonalds sind dabei als schlechtestes Beispiel zu nennen.
Aber dennoch, ich tat es mir an.

In der Werbung angekündigt:

„Wir zeigen die Welt aus völlig neuen Blickwinkeln. Was ist Wahrheit, was ist Propaganda? Es gibt Bilder, von denen man nicht will, dass wir sie sehen.“

Klingt nach hohem Anspruch, der aber gleich gedämpft wird.

Die Ankündigung im Videotext zu dieser Sendung liest sich so:
„Wieso werfen russische Kleinkinder nach der Schule mit Handgranaten? Welche Privilegien bringen gute Beziehungen zum Kreml? Und wer darf auf der geheimen Schiessanlage mitten in der Moskauer U-Bahn rumballern? Stefan Gödde reist nach Russland, trifft Journalisten, die sich überwacht und verfolgt fühlen, er spricht mit der Bevölkerung in der selbsternannten Volksrepublik Donezk und erlebt, welche Vorzüge die milliardenschwerden russischen Oligarchen geniessen.“

Ufz. Das ist ein umfangreiches Programm für eine Sendung, die von 22.08 bis 23.13 Uhr läuft (abzüglich 2 Werbepausen).

Klar ist: nix wird enthüllt. Da werden die üblichen Klischees bedient. Es wird von „geheim“ gesprochen und man fragt sich, wie geheim mag ein Schiessstand sein, den ein deutsches Kamerateam ganz offen filmt.

Anmoderation:

„Schöne Welt oder schöner Schein. Hinter dem Schleier der Zensur sucht Stefan Gödde die Wahrheit.“
Huiuiuiui. Wie ist er nur hinter den „Schleier der Zensur“ geraten? Was mag er finden? Ich bin total gespannt.

Weiter:
„Putin: Herrscher, Sportstar. Was geschieht mit denen, die sich wehren (Bild von Nemzov eingeblendet). Stefan Gödde auf einer mehr als heiklen Mission.“

Ach Gottchen. Hat sich das Strahlebübchen in Gefahr befunden, sein Hemdchen zu verknittern oder einfach nur seine Tage bekommen? Man weiss es nicht. Auch nicht am Ende der Sendung.

Und ich habe Aggressionen. Ich kann solche Leute nicht ausstehen. Menschen, die so tun, als seien sie offen und tolerant, um sich dann mit überheblich-verächtlichem Gesichtsausdruck über alles lustig zu machen. Menschen, die ständig grinsen, weil sie offenbar nicht mehr können als das.

Die meiste Zeit wird auch nicht Stefan zu Wort kommen. Sondern eben der Moderator.

Doch jetzt geht sie los, die wilde Fahrt durch das böse Russland:

„Moskau, die Hauptstadt von Putins Reich“. Jap. Wussten wir. Nicht Russlands.

Stefan Gödde trifft sich in einem Restaurant mit Vadim Lyalin. Man hat sich einen Neureichen wie aus dem Bilderbuch gesucht: grossspurig, grosskotzig und einfach unangenehm.

Spätestens wenn er erzählt, dass er, der Anwalt Männer des Spezialkommandos des militärischen Nachrichtendienstes ausbildet (Speznas), weiss man, wonach die Pro7 Leute suchten.

Stefan grinst durchgehend. Und dann kommt es noch besser:

Mitten in der Metro. Ein Geheimgang.
Dort befindet sich ein Schiessstand, auf dem dann der Anwalt erst mal medienwirksam rumballert, während Stefan sich pflichtschuldig abwendet.
Und sagt: „Ich komme mir gerade vor, wie in einem Agententhriller.“

Man stelle sich diesen spannungsgeladenen Thriller vor. Ein Mann ballert auf dem Schiesstand und ein Mann steht dabei und hält sich die Ohren zu.

Hier ein Auszug aus dem Dialog:
Stefan: Sie lieben Frieden? Diesen Eindruck hat man im Westen aber nicht.
Vadim: Wer mit dem Schwert zu uns kommt, wird durch das Schwert ums Leben kommen.
Stefan: Ist das eine Drohung?
Vadim: Das ist ein altes Sprichwort, ob ihr das als Drohung versteht, ist eure Sache.

Anmerkung: Da ist nicht die Rede von Angriff, sondern nur von der Bereitschaft Russlands, sich gegen Angreifer zu verteidigen.

Schnitt.

Stefan spricht mit einem verächtlichen, überheblichen Grinsen:
„Der grosse Boss ist da, jetzt kann die Show beginnen. Putin macht das, um den Russen zu zeigen, dass Russland gross und stark ist.
Der russische Präsident und seine Armee scheinen bereit. Und die Massen schauen zu.“
Stefan will wissen, was hinter diesem extremen Nationalismus steckt.

Um Gottes Willen, denkt sich der Pazifist. Was hat der Putin gemacht? Was ist ausgebrochen? Nix. Das war Stefans Interpretation der Feierlichkeiten zum 9.Mai. Dass Putin die nicht erfunden hat und die seit Jahrzehnten statt findet ist egal.

Schnitt. Ein Gespräch mit einem Journalisten.
Mikhail Zygar (ehemals Dozhd) vom Westen ausgezeichnet, müsste jetzt so richtig vom Leder ziehen. Aber irgendwie läuft das nicht so dolle.
Er beschreibt, wie schlecht es den Russen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging, dass der Westen nicht half sondern nur dachte: das Monster ist tot.
Durch Putin fühlten sich die Russen zum ersten Mal in der neueren Geschichte wieder stolz.

Das war eine gute Erklärung. Deshalb geht es fix weiter.
Man bemerkt: Eigentlich müssten die Menschen in Russland leiden. Wegen der Sanktionen gäbe es ja keine Lebensmittel aus Europa mehr. Doch:
Von Krise keine Spur. Die Regale in Moskau sind voll.
Da scheint man was anderes erwartet zu haben.

Auch das Gespräch mit einer Familie läuft nicht wie gewünscht. Vieles sei teurer, man kann sich nicht mehr so viel leisten, aber sie finden Putin gut.

Jetzt aber geht es los. Besuch einer Einrichtung, die Kinder besuchen können, um eine russisch patriotische Erziehung zu erhalten. So nennt sich das.

Stefan fragt: Hier sollen also die Kinder auf den Militärdienst vorbereitet werden?
Antwort: Das ist keine Vorbereitung auf den Militärdienst. Sie sollen Disziplin lernen und sich sportlich ertüchtigen.
Wir alle sollten militärisch fit sein. Um unseren Enkeln eine sichere Zukunft zu sichern.
Stefan erklärt darauf: Das zu sehen macht mich traurig.
Ja, das macht die kalten Krieger traurig zu sehen, dass die Russen sich gerne verteidigen wollen.

Und deswegen fragt er auch noch 2 kleine Pimpfe (ca. 10):
Ist das Spiel (marschieren, Granatenwerfen) oder Vorbereitung auf die Zukunft. Die Jungs erzählen: sie mögen zum Militär gehen. Denn: wenn uns jemand angreift, dann kann ich mein Land verteidigen.

Wieder: keiner spricht von Angriff, man spricht von Verteidigung.

Es geht weiter zu den Nachtwölfen. Das Gespräch mit Alexander Saldostanow:
Stefan: wie stehen sie zu Putin?
Alexander: Zu behaupten, er wäre mein Freund wäre eine Lüge. Aber er ist auch nicht mein Feind. Was ich sagen kann: er liebt Russland und er liebt Gott und dafür respektiere ich ihn.

Nein nein nein, das läuft ja gar nicht wie gewollt!
Doch jetzt, jetzt endlich geht es los: man fährt in das Grenzgebiet zur Ostukraine. Stefan erklärt uns breit grinsend den Ernst der Lage: „das ist schon Anspannung“.
Gut dass er das gesagt hat.

Dann folgt ein hochinteressanter Satz: nämlich dass man Donezk von der russischen Seite nähert, da Recherchen ergeben hätten, dass dies der wesentlich ungefährlichere Weg sei.

Leider wird das nicht vertieft. Aber da frage ich mich natürlich schon, warum es ungefährlicher ist, zu den „Terroristen“ über Russland dort hin zu fahren, als sich mit der Unterstützung der Freunde in Kiew dort hin zu begeben.

Weiter erklärt der kleine Stefan es sei total merkwürdig, dass er von Russland nach Neurussland fährt und trotzdem eine Pass und Fahrzeugkontrolle über sich ergehen lassen muss.

Dass genau diese Kontrolle das Narrativ von den Separatisten ad absurdum führt und genau zeigt, was im Osten der Ukraine los ist, nämlich dass die Menschen keine Separation sondern Föderalisierung wünschen und dass Russland kein Interesse an einem Anschluss der Ostukraine an Russland hat.

Ein Trupp Soldaten begleitet den Kriegstouristen:
Der Anführer stellt sich vor. Mit Namen und Einheit und wird dann im Beitrag so beschrieben: „eine Armee, die gegen die eigene Heimat Ukraine kämpft und sich pro-russisch nennt“.

Aber mal zusammengefasst:
Wirtschaft, Freizeit, Rocker, ein Oligarch, Militär und ein Teil Ostukraine in 31 Minuten.
Was habe ich erfahren:
ein voreingenommener Mann fährt nach Russland und versucht ohne Worte immer möglichst viel Verachtung zur Schau zu tragen und alles, was wir ja schon wissen, soll durch diesen „Insiderbericht“ bestätigt werden.

Weiter „an die Front“. Da ist überhaupt nix. Kein Knall. Kein Schuss. Und dem Mann geht die Düse, was sich in einem dümmlichen Grinsen äussert.

Dann wird noch ein wenig Dialog betrieben, der uns klar macht: die armen Russen wissen gar nicht was in der Welt passiert. Sie sind Opfer der Propaganda.

Man findet 2 Mütterchen, die erklären, dass sie gerne zu Russland gehören würden, denn die Russen hätten in der Zeit der Sowjetunion gut für sie gesorgt ausserdem sei Russland ein gutes Land und Putin ein guter Mann.

Der Soldat wird gefragt „Wer ist ihr Feind, die Ukraine?“ Und er antwortet so differenziert, dass es diesem Propaganda-Bubi die Schamesröte ins Gesicht hätte treiben müssen:
Die Regierung der Ukraine. Nicht die Soldaten, nicht die Armee. Die tun mir leid.

Der Soldat fragt dann noch, ob man eigentlich nicht wissen wolle, was da so vor sich gehe. Doch doch, mag man schon. Und fragt dann treudoof. Die Antwort lautet: Die Ukraine will uns russisch-stämmige töten.

Die Bewertung folgt auf dem Fusse, damit wir nicht irgendwie Mitleid mit den Ostukrainern entwickeln: das sei ein extrem radikales Weltbild.
Und es bliebe nur die Frage, wie es entstanden ist. Und welche Rolle Russland dabei spielt.

Am Ende schiesst man sich selbst völlig in die Propaganda-Ecke als ein Mann erklärt, dass die westlichen Medien Wahres berichten aber auch Lügen verbreiten. Als Beispiel nennt er die Behauptung der Westmedien, dass MH17 von Russland abgeschossen worden sei.

Denn man behauptet dreist:
Russland würde die Aussage, dass eine russische Buk das Flugzeug abschoss bestreiten.
War es eine Buk, dann wird niemand in Russland sagen, das würde nicht stimmen. Denn es gibt keine anderen als russische.
Aber daraus zu schliessen, dass Moskau den Befehl zum Abschuss gab, ist unzulässig. Das wäre genau so, wie wenn man sagen würde: die Deutschen haben in Ägypten auf die Demonstranten geschossen, nur weil dafür deutsche Heckler und Koch Waffen genutzt wurden.

Jetzt kommt das grosse Finale: man konstatiert:
Die Menschen hier leben in einer Blase.
Wie ergeht es jenen, die sich gegen das wehren?

Da wird ganz fix abgearbeitet: Nemzow, Chodokowski und Beresowski

Doch jetzt geht es ans Eingemachte:
Es wird gefragt: Wer hat die Macht in Russland? Die Oligarchen?

In Kürze: Früher hatte die Mafia die Kontrolle über die Geschäfte. Heute sei es der FSB. Der Experte ist klasse:
Ein Partyking der ein Buch schrieb mit dem vielsagenden Titel: Fucking Moskau – Sex, Drugs & Wodka.
Der kennt sich sicher total gut aus.
Genauso ein seriöser Mensch wie der Anwalt, der angeblich Spezialkräften Schiessunterricht in der Metro gibt.

Man kommt zu dem Schluss: es scheint als müssten die Oligarchen mit dem Kreml zusammenarbeiten.
Ja da fragen wir uns hurtig, wie weit es ein Unternehmen in Deutschland bringt, dass gegen die Regierung stellt.

Man erwähnt immer wieder fragende, der Kreml hätte Bauprojekte bevorzugten Oligarchen zugeschanzt. Doch die Herren der Familie Agalarov machen beide deutlich: da wird nix zugeschanzt, sondern man wird aufgefordert einen Beitrag zu leisten. Und: Wenn der Präsident bei dir anklopft warum solltest du nein sagen.

Zu den WM Stadien läuft es auch nicht besser:
Frage: Leidet die Qualität? Ist die Krise (Rubelverfall, Sanktionen) ein Problem? Nein. Mehr Waren kommen nun aus Russland statt aus der EU.

So und nun fragen wir uns doch alle, was der kleine Stefan gelernt hat.
Bitteschön: „Mein Eindruck ist, in der russischen Seele ist die Sehnsucht nach der alten Grösse verankert. Mir macht das Angst, weil das bedeutet, dass in unserem friedlichen Mitteleuropa sich Grenzen verschieben, die sich nicht verschieben sollten.“

Und was habe ich gelernt: die Russen wollen keinen Krieg, aber sie wollen auf einen Angriff vorbereitet sein, weil das Trauma des letzten Überfalls sehr tief verankert ist.

Und: offenbar hat Pro7 den Auftrag erhalten, von der Standard-Verblödungsmaschinerie und Dauerwerbesendung für die USA endlich umzuschalten und ins Primitiv-Propaganda-Geschäft einzusteigen. Nur manipulierte Nachrichten zu senden, reicht wohl nicht mehr.


https://propagandamelder.wordpress.com/2016/08/09/propagandameldungen-vom-09-august-2016/#comment-76261

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