Werte

Ich möchte über Werte sprechen. Oder anders gesagt: ich finde, wir müssen über Werte sprechen.
Jeder Mensch hat ein eigenes Wertesystem. Es definiert sich aus der Summe der Erziehung, der Erfahrungen, der persönlichen Bildung.

Ich kenne meine Werte. Aber ich kenne die Werte nicht, die angeblich in unserer Gesellschaft herrschen. Da wird gesprochen von „Wertegemeinschaft“. Ja nicht nur gesprochen, sondern dieser Begriff wurde zur Definition der EU.

Werte werden sogar zu Herrschaftszielen ernannt:
Zitat:
„Nun, da Amerika droht, seine wahren Werte zu verlieren, ist Deutschland – unter Merkels Führung natürlich – in der Pflicht, die Fahne der Moral für den Rest der Welt hochzuhalten.”
Zitat Ende
(Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-12/angela-merkel-donald-trump-werte-moral-ueberlegenheit)

Politiker und Moral – darüber reden wir jetzt mal lieber nicht. Aber: Amerika droht seine wahren Werte zu verlieren. Welche?

Aus der Antrittsrede 2012 von Gauck:
Zitat:
„Eine demokratische Verfassung mit universellen Werten zu schätzen heißt ja nicht, die eigene Kultur abzustreifen oder historisch gewachsene Eigenheiten zu ignorieren.“
Zitat Ende
(Quelle: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2017/01/170118-Amtszeitende-Rede.html)

Merkel bei der 60 Jahr Feier der CDU 2005
Zitat:
„Wir haben wahrlich keinen immerwährenden Rechtsanspruch auf Demokratie und soziale Marktwirtschaft auf alle Ewigkeit. Unsere Werte müssen sich auch im Zeitalter von Globalisierung und Wissensgesellschaft behaupten.“

Ein paar Muster der Erwähnungen von „Werten“ die mich zutiefst verwirren.

Wenn man in einer Diskussion nach „Werten“ fragt, wird man schnell abgekanzelt. Die Werte unserer Gesellschaft, die muss man nicht hinterfragen. Die sind selbstverständlich. Soso denk ich mir da immer. Ich muss die Definition der Werte verpasst haben.

Betrachten wir die Aussage Merkels bei der Feier der CDU. Da erklärt sie hurtig Demokratie und soziale Marktwirtschaft zu Werten. Das sind keine Werte. Das ist in Deutschland Gesetz! Die Mütter und Väter des deutschen Grundgesetzes hatten nämlich aus irgendeinem Grund kein besonders grosses Vertrauen in das Wertesystem der Politiker und haben deshalb im Artikel 20 des Grundgesetzes sowohl Demokratie als auch soziale Marktwirtschaft als Gesetz definiert, weiter sogar: zur juristischen Grundlage, an der sich alle anderen Gesetze zu orientieren haben.

Also irrt Angela Merkel, wenn sie erklärt: wir haben wahrlich keinen immerwährenden Rechtsanspruch auf Demokratie und Soziale Marktwirtschaft haben. Haben wir. Jedenfalls so lange, bis das Grundgesetz diesbezüglich geändert wird. Und man mag am Grundgesetz rumschrauben. Aber so dreist wird keiner sein.

Das Wichtige ist aber: es sind keine Werte. Es sind Gesetze! Genau wie all die anderen Werte, von denen man so schwafelt: Pressefreiheit, Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit etc etc etc. Alles Gesetze! Keine Werte.

Was ist der Unterschied?

Gesetze, denen sind wir alle verpflichtet, oder es folgen Sanktionen. Werten sind wir nicht verpflichtet bzw. wir fühlen uns ihnen verpflichtet.
Aus Gesetzen ergeben sich Rechtsansprüche, aus Werten eben nicht.

Gesetz ist: du darfst niemanden beleidigen.
Wert ist: du sollst höflich sein.

Begrüsse ich jemanden mit den Worten: oh Himmel, der debile Depp schon wieder, dann ist das eine Beleidigung.
Verweigere ich jemandem Begrüssung und Handschlag, dann bin ich einfach nur unhöflich.

Gesetz ist: du muss in einer Notsituation Hilfe leisten.
Wert ist: du sollst hilfsbereit sein.

Laufe ich an einem Schwerverletzten einfach vorbei, dann ist das „Unterlassene Hilfeleistung“. Laufe ich an einem Ömchen vorbei, dessen Einkaufstasche umgefallen ist, dann ist das schlecht erzogen.

Das mag wie Korinthenkackerei aussehen. Ist aber für das, was in unserem Land gerade passiert essentiell. Denn es demaskiert unsere Politiker. Diese leben offenbar in einem Post-Feudalen-Gedankensystem.

Menschenrechte und Demokratie, das sind Werte. Etwas, das man dem Volk gewährt, und es sollte dankbar dafür sein.

Oder man sieht es wie ich: Menschenrechte und Demokratie, das sind Gesetze, die sich Menschen mit Blut und Schmerz über die Jahrhunderte hinweg erkämpft haben. Kein Gunstbeweis einer Elite. Sondern das Ergebnis eines Bewusstseins, des eigenen Ichs. Und dieses Bewusstsein führte zu Kämpfen.

Und wenn Gauch von einer „Verfassung mit universellen Werten“ spricht. Dann irrt er eben auch. Und entlarvt sein eigenes krudes Verständnis einer Gesellschaft. In einer Verfassung sind keine Werte enthalten. Sondern den Menschen wird der Anspruch bestätigt, den sie einfach deshalb haben, weil sie Menschen sind. Und das ist auch kein Verdienst der deutschen Verfassung, sondern in erster Linie verdanken wir dieses Bewusstsein, dieses Selbstverständnis, der Aufklärung. Die bereitete nämlich dem Gedankengut von „einige haben das gottgegebene Recht über viele zu herrschen“ ein Ende.

Das Wertesystem unserer Politiker ist mehr als nur fragwürdig. Und niemand erwartet etwas anderes. So ist die Politik. Aber dass diese Gestalten ihren Mangel an Werten dadurch kompensieren wollen, indem sie Gesetze zu Werten degradieren, das widert mich an.

Die Medien übernehmen das Mantra, ohne darüber nachzudenken und widern mich auch an.

Und dann die Bürger: sie verstehen nicht, wie gefährlich es ist, wenn sie sich ihrer Rechte nicht bewusst sind. Wenn ihre Rechte zu Werten entwertet werden. Etwas, worauf man sich verständigt.

Ein sehr eindrucksvolles Beispiel dafür, dass ein fehlendes Bewusstsein für den Unterschied zwischen Werte und Gesetze zu einem mangelnden Rechtsempfinden führt, lieferte die aktuelle Bundesregierung (inkl. Steinmeier).

Während man nur sehr sanfte Kritik an den USA übte, die immerhin Kurnaz und Al Masri folterten, machte man sich ab ca. 2012 auf, Russland wegen des Umgangs mit Homosexuellen kontinuierlich an den Pranger zu stellen. Saudi Arabien wiederum, ist ein „strategischer Partner“, da kritisiert man nicht mal laut die Tatsache, dass 50% der dort geborenen Menschen komplett entrechtet sind, einfach nur weil sie Frauen sind.

Wenn man der aktuellen Propaganda auf den Leim geht, dann könnte man von fehlenden Werten“ sprechen. Wenn man genauer nachdenkt, dann ist es allerdings viel schlimmer.

Es ist ein Unterschied, ob Russland nicht bereit ist, einmal im Jahr irgendwelchen Menschen eine Party zu gestatten, bei der alle mit nackten Hintern und im Takt wippenden Pimmeln in Elefanten-Rüssel-Slips ihre Sexualität feiern, oder ob Frauen faktisch entrechtet sind.

Das eine, das ist eine Frage des Wertesystems. Das andere, eine Frage der Menschenrechte.

Die Sprache ist eine Waffe. Und deshalb wird sie gerade entschärft.

Konzentrationslager werden „CIA Foltergefängnissen“ oder „Guantanamo“.
Folter nennt man erweiterte Verhöre.
Willkür heisst Ermessensspielraum.
Schutzhaft wird zur Präventivhaft.
Selbstmordversuche im KZ Guantanamo wurden zu „sich selbst zugefügte Verletzung“

Und Gesetze und Rechtsansprüche? Die werden zu „Werten“.

Es ist an der Zeit, dass die Menschen aufwachen. Denn es ist Wahlkampf. Da werden die Herrschaften losziehen und ständig von Werten sprechen. Das ist die Gelegenheit. Wann immer jemand von Werten spricht, sollte man ihn fragen, welche das sein sollen. Und dann muss ihm ein Chor entgegen schreien: das ist kein Wert. Das ist GESETZ!!!!

Ansonsten gibt es keine Hoffnung.

Wohin das am Ende führt?
Zu einem menschenverachtenden Weltbild. Der Zweck heiligt die Mittel. Denn wir haben ja Werte. Die anderen nicht. Aber Werte sind eben flexibel und passen sich den Gegebenheiten an. Und alles was passiert, findet Platz, in diesem selbstgezimmerten Verständnis von dem, was einmal als Gesetz galt:

Die Meinung des Kommandeurs von Guantanamo zu den Selbstmorden der Gefangenen, die die Folter nicht mehr ertrugen:

Zitat:
„“They have no regard for life, either ours or their own. I believe this was not an act of desperation, but an act of asymmetrical warfare waged against us.“
Zitat Ende

Übersetzung:
“Sie haben keine Achtung für das Leben, weder für unseres noch für ihr eigenes. Ich glaube nicht, dass dies ein Akt der Verzweiflung war, sondern eine Handlung des asymmetrischen Krieges, der gegen uns geführt wird.“
(Quelle: http://news.bbc.co.uk/2/hi/5068606.stm)


https://propagandamelder.wordpress.com/2017/03/19/propagandameldungen-vom-19-maerz-2017/comment-page-1/#comment-116648

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